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Schauplätze der nationalsozialistischen Vergangenheit im Oberbergischen

Spurensuche für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Interessierte zu historischen Überresten der NS-Zeit im Oberbergischen Kreis

Oberbergischer Kreis – Ein besonderes Angebot zum Thema „Historischer Rassismus“ hat das Kommunale Integrationszentrum des Oberbergischen Kreises jetzt für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, in der Sozialarbeit Tätige und an Historie interessierte Menschen organisiert. Unterstützt von Wilfried Hahn, Zeitzeuge; Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der Oberbergischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und Schulamtsdirektor i.R., hat das KI eine interessierte Gruppe zu historischen Überresten und Gedenkstätten der nationalsozialistischen Vergangenheit im Oberbergischen Kreis geführt.

(Sponsorenpool-Rotation: ARKM.marketing)

Die Exkursion ist ebenso wie die Datenbank zum Thema“ Historischer Rassismus“ eine Idee aus dem Netzwerk der oberbergischen Courage-Schulen. „Diese Spurensuche ist uns als Kooperationspartner des bundesweiten Netzwerks „Schule ohne Rassismus- Schule mit Courage“ ein besonderes Anliegen“, sagt Dorothea Wirtz vom KI. Sie hat die Regionalkoordination für den Oberbergischen Kreis übernommen. Bundesweit gibt es 2.500 beteiligte Schulen. In dem Netzwerk sind inzwischen auch 13 Schulen im Oberbergischen Kreis organisiert. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und alle anderen Mitarbeiter verpflichten sich, bei jeder Art von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, mit Zivilcourage einzugreifen – in der Schule und in ihrem Umfeld.

Bei der Exkursion entpuppen sich scheinbar unauffällige Orte als Schauplätze des oberbergischen Nationalsozialismus. Anschaulich vermittelt Wilfried Hahn, wie und warum sich der Nationalsozialismus gerade bei der überwiegende armen Landbevölkerung durchsetzen konnte. Als einflussreichste und prägende Person der NS-Zeit im Oberbergischen beschreibt der 78- Jährige den Nümbrechter Robert Ley, geboren am 15. Februar 1890 in Niederbreidenbach, ehemals Gemeinde Marienberghausen, gestorben am 25. Oktober 1945 durch Selbstmord im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis. Der zunächst unscheinbare Ley entwickelte sich in seiner Position als Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront zu einem der führenden Politiker in der Zeit des Nationalsozialismus.

1936 kaufte Ley das Gut Rottland, etwa 5 km von der Waldbröler Innenstadt entfernt, um es als Herrensitz ausbauen zu lassen. Waldbröl sollte Deutschlands Agrarhauptstadt werden und die „größte Stadt zwischen Köln und Kassel.“

Von Gut Rottland in Waldbröl aus, wollte Robert Ley im Bröltal die größte Traktorenfabrik des NS-Reiches ansiedeln. (Foto: OBK)

In der Ortschaft Oberwiehl schildert Wilfried Hahn einen Totschlag unter NSDAP-Mitgliedern, der sich nachts am Ortseingang im Juli 1932 ereignet hat und der vertuscht werden sollte. An der Straße, wo der Totschlag geschehen ist, weist heute nichts mehr auf die grausame Tat hin. Während der Nazizeit stand hier ein Gedenkstein. Der Mord an Robert Bitzer in Oberwiehl sollte drei Sozialdemokraten angelastet werden, die in stockdunkler Nacht hier auf sieben NSDAP- Anhänger gestoßen waren. Tatsächlich war Bitzer von einem Gewalttäter aus den eigenen Reihen erstochen worden. „Das Waldbröler Gericht soll diesem Täter später das Recht auf Notwehr zugebilligt haben. Die NSDAP wollte aus dem Mordopfer einen Märtyrer machen!“ sagt Wilfried Hahn.

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Insbesondere die Schülerinnen und Schüler sind von den Berichten Hahns bewegt: „Wir haben über das Internet bereits viel erfahren und erarbeitet, doch so eine persönliche Schilderung verdeutlicht das Geschehen hier vor Ort“, sagt Delia Heidrich, Schülerin der Stufe 11. am Wiehler Gymnasium. „Es ist sehr beeindruckend zu erfahren, was sich ch in unserer Gegend im Dritten Reich zugetragen hat“, ergänzt ihre Mitschülerin Sophia Jakobs. Besonders konkret werde das durch Hahns Berichte über damals lebende Personen und wichtige Zeitzeugen, die er teilweise selbst kennengelernt hat.

Auf einem Höhenzug von Thierseifen (Waldbröl) führt Wilfried Hahn die Gäste zu einem Hundetrainingsplatz, auf dem sich in den 30er Jahren ein Lager des Reichsarbeitsdienstes – RAD – befand. In Lagergebäuden wurden nach dem Krieg sogenannte „Displaced Persons“ untergebracht, „Jüdinnen und Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten und nun in Deutschland und Europa umherirrten“, berichtet Wilfried Hahn.

Viele Schauplätz der nationalsozialistischen Vergangenheit im Oberbergischen hat die Natur zurückerobert. So befindet sich oberhalb der Friedensmauer in Waldbröl ein großräumiges Gelände, auf dem einst eine „Adolf-Hitler-Schule“ errichtet werden sollte. „Diese Schulen waren Vorschulen für die sogenannten Ordensburgen, etwa: Burg Vogelsang in der Eifel und Sonthofen im Allgäu, in denen ein Lernziel war, dass man kein Mitleid mehr empfinden sollte“, erklärt Wilfried Hahn. Die Überreste der Außenmauern lassen erahnen, innerhalb welcher Monumentalarchitektur bis zu 480 Schüler im 24-Stunden-Betrieb gedrillt werden sollten.

Überreste der Außenmauern der NS-Schule oberhalb des Waldbröler Friedhofs. Sie verläuft parallel zur „Friedensmauer“. (Foto: OBK)

Die Friedensmauer oberhalb Waldbröls schließt an das geplante Schulgelände der NS-Zeit an und mahnt heute mit markanten Schriftzug „Nie wieder Krieg“. Als „größenwahnsinnig und grausam“ nehmen die Teilnehmenden der Exkursion einmal mehr die NS-Pläne Robert Leys im Oberbergischen Süden wahr.

Für den Projektkreis „Dass Ausschwitz sich nicht wiederhole“, begleiten Geschichtslehrer Frank Wendel und Referendar Tim Taplick diese besondere Busfahrt. Beide sind überzeugt, dass Hahns authentische und lebhafte Schilderung allen Exkursionsgästen die NS-Zeit im Oberbergischen näher bringen. „Das schafft kein Geschichtsbuch und kein Artikel im Internet“, sind sich die Pädagogen einig. An den Gedenkstätten in Nümbrecht wird es dann still.

Wilfried Hahn erklärt, wie aus der ehemaligen „Hitlermauer“ die „Friedensmauer“ in Waldbröl wurde – ein Mahnmal gegen die NS- Verbrechen. (Foto: OBK)

Aufgrund der durchweg positiven Resonanz auf die geführte Bustour zu Schauplätzen der nationalsozialistischen Vergangenheit im Oberbergischen Kreis, plant das KI weitere Exkursionen dieser Art. Informationen dazu erhalten Sie auf www.obk.de/ki und bei der Ansprechpartnerin des KI, Dorothea Wirtz, Telefon 02261 881242 und per E-Mail [email protected]

Quelle: OBK

Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche verantwortet die Redaktion Oberberg-Nachrichten. Sie schreibt als Journalistin über regionale Themen und besondere "Landmomente". Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist telefonisch unter 02261-9989-885, oder über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: [email protected] - Redaktionssprechstunde: Mo, Di und Do von 10-12 Uhr.

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